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Kölner Ethnologische Beiträge Bd. 51 - ff

Herausgeber: Michael J. Casimir

ISSN 1611-4531

Institut für Ethnologie, Albertus Magnus Platz, D 50923 Köln
Email: m.casimir@uni-koeln.de


Über die Jahre hat sich immer wieder gezeigt, dass viele Magister-, Master- und Bachelorarbeiten neues Material vorstellen und interessante Ergebnisse zeigen. In wohl jedem Institut in Deutschland finden sich zahlreiche Abschlussarbeiten, die es wert sind, einem breiteren Interessentenkreis zugänglich gemacht zu werden, was in besonderem Maße für Arbeiten gilt, die auf Feldforschungen beruhen. Somit entstand die Idee zu einer Reihe, die dem Rechnung trägt und die unter dem Titel "Kölner ethnologische Beiträge" herausgegeben wird.

Prinzipiell können aber auch andere Arbeiten in dieser Reihe erscheinen, die auf Forschungen an unserem Institut beruhen.

Kölner Ethnologische Beiträge Bd. 1 - 50

Kölner Ethnologische Beiträge Bd. 51 - ff

Die vorliegende Arbeit von Maria Lassak, die von Prof. Michael Bollig betreut wurde, wendet sich, empirisch fundiert, einem vernachlässigten Thema der Wirtschafts- und Sozialethnologie zu. Welche Bedeutung haben staatliche Wohlfahrtszahlungen für die Bearbeitung der Armutsfrage im Globalen Süden? Zunehmend entscheiden sich Länder des Globalen Südens (etwa Südafrika, Brasilien und Iran) dazu, durch großangelegte Wohlfahrtsprogramme ländliche Armut zu bekämpfen. In Südafrika (und auch in den Nachbarländern Botswana und Namibia) werden gehaltsunabhängige Renten gezahlt, die leicht über dem gesetzlich verbürgten Mindesteinkommen liegen. Jede Person über 65 (bzw. 60) – einerlei ob sie in ihrem Leben in einem formalen Arbeitsverhältnis war oder nicht – erhält eine Grundrente. Diese Grundrenten spielen im ländlichen Raum des südlichen Afrika eine zentrale Rolle. Im ländlichen Südafrika etwa stellen gehaltsunabhängige Renten in fast 50 Prozent der Haushalte das zentrale Haushaltseinkommen dar. In anderen Staaten des Globalen Südens werden derartige Renten, Kindergelder und Grundeinkommen an bedürftige Haushalte ausgezahlt (so etwa im Bolsa Familia Programm Brasiliens). Diesen Weg geht auch Tansania in einigen Pilotprojekten. Lassak nimmt als theoretische Vorlage die neuesten Arbeiten James Fergusons, die in der Streitschrift „Give Man a Fish“ überzeugend zusammengefasst wurden. Ferguson argumentiert, dass angesichts überbelasteter natürlicher Ressourcen und vielfach gescheiterter Versuch den ländlichen Raum in marktorientierte Produktionsprozesse einzubeziehen und so Wohlstand zu schaffen, nur „social transfers“ (Renten,  Kindergelder etc.) die Möglichkeit bieten, Armut zu bekämpfen. Ferguson beschreibt wie die permanenten Versuche, verarmte ländliche Bevölkerungen zu Produzenten für den Weltmarkt zu machen, immer wieder scheitern – schlicht, weil derartige Produzenten auf dem Weltmarkt nicht konkurrieren können. Die alte Diktion, man solle den Menschen keine Fische geben, sondern sie beim Fischen anleiten (um so unabhängig zu werden), entlarvt Ferguson als  neoliberale Ideologie. Lassak erläutert diesen theoretischen Hintergrund ihrer Arbeit kurz, aber angemessen und zielführend. Mit empirischen Daten aus dem Süden Tansanias weist sie auf die große Bedeutung dieser Thematik für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung des ländlichen Raums hin. Angesichts der Vielzahl nationaler Programme, die alle „social transfers“ als zentrale Strategie der Armutsbekämpfung identifizieren, wird die Ethnologie sich in den kommenden Jahren vermehrt dieser Thematik zuwenden müssen, um  kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Wandel in ruralen Zonen des Globalen Südens zu verstehen.

Lassak, Maria : Unconditional Cash Transfer als staatliches Instrument der Armutslinderung in Tansania am Beispiel des Bezirks Kilombero, Südwest-Tansania

Die von Prof. Dr. Martin Zillinger betreute Arbeit von Anna Krämer beschäftigt sich mit einem dynamischen Feld religiöser Praxis, das eine global wachsende Anhängerschaft verzeichnet, in einer transnationalen Verflechtungsgeschichte fortlaufend hervorgebracht wird und in Indien einen wichtigen Sektor des internationalen Tourismus ausmacht. Diese hinduistisch gerahmte, im globalen Norden neu gefasste und in Indien re-lokalisierte Praxis wird weltweit unter dem Begriff der Spiritualität geführt. Der Begriff steht nicht nur im Zentrum der Praktiken und Reden der Akteure selbst, sondern wird auch im wissenschaftlichen Diskurs als Gegenbegriff zum historisch und dogmatisch aufgeladenen Begriff der Religion verwendet und unterstreicht die Möglichkeit einer individuell-evidenzbasierten Erfahrung. Anschaulich wird diskutiert und theoretisiert, wie diese „nicht-beschreibbare“ Erfahrung, Formen des Lehrens und Lernens und die Körpertechniken der Anhängerschaft eines „Gurus“  zusammenhängen. Hierfür wird das Konzept der Liminalität aufgegriffen und weiterentwickelt. Obgleich dieser Begriff als gut etabliert gelten kann, ist weder das heuristische noch das theoretische Potential dieser Theoriedebatte ausgeschöpft, wie nicht zuletzt in dieser Masterarbeit deutlich wird. Innovativ diskutiert die Verfasserin Liminalität als Praxis und Methode - d.h. als  Verlaufsform und Prozess, wie von Victor Turner beschrieben, aber eben auch als Methode, die erlernt, umgesetzt und nachverfolgt werden kann. Hier operiert die Autorin überzeugend mit dem Begriff der accountability von Harold Garfinkel. Sich spirituell accountable, d.h. ausweisbar zu machen, wird sehr schön an den gestaffelten Formen der Initiation herausgearbeitet. Dafür führt die Autorin das Konzept der communities of spiritual practice ein. Lernen ist, wie sie in Anlehnung an Jean Lave schreibt „a form of evolving membership“ und Teil der  Vollzugswirklichkeit sozialer Praxis. Hier wird Liminalität zur Methode - zu einem Zeigen, Lehren und Lernen spiritueller Hingabe. Es geht um die Wiederholbarkeit, d.h. die Möglichkeit zur geübten Evozierung transformativer Spiritualität, die durch transnational mobile Akteure verhandelt und legitimiert werden und dabei ebenso transnational  hervorgebrachte Vorstellungen von Authentizität und  Gesetzmäßigkeiten pflegen. Die Arbeit stellt zweifellos einen wichtigen Beitrag zur Erforschung lokal situierter und zugleich global vernetzter religiöser Bewegungen in der Gegenwart dar.

Krämer, Anna Kalina : Satsang, Sangha, Sadhana : Zur Verortung von Spiritualität im indischen Rishikesh

Frau Pega hat in ihrer Masterarbeit ein Thema behandelt, das aus verschiedenen Gründen bedeutsam ist. Zum einen findet sich, abgesehen von Veröffentlichungen in polnischer Sprache und den Übersetzungen einzelner Artikel ins Englische, keine umfassende Publikation zu den muslimischen Tataren, die seit Jahrhunderten im Osten Polens leben. Weiterhin kommt der Arbeit eine übergeordnete Bedeutung zu: In einer Zeit, geprägt von zunehmender Islamfeindlichkeit und Problemen der Integration, gibt die Geschichte und Gegenwart der Tataren in Polen ein Beispiel für harmonisches Zusammenleben einer muslimischen Minderheit mit einer christlichen Mehrheit. Nach einer Einleitung und einem Überblick über den Forschungsstand zu polnischen Tatar*innen gibt Frau Pega eine Zusammenfassung zur Geschichte der Tataren seit der Zeit der "Goldene Horde", über die ersten Ansiedlungen im Großfürstentum Litauen und Ostpolen bis hin zu ihrer heutigen Situation. Im Folgenden wendet sie sich dem Schwerpunkt der Arbeit zu: Ethnizität und Kultur der polnischen Tataren. Hier haben sowohl Untersuchungen der polnischen Sozialwissenschaft als auch die von Frau Pega durchgeführten Befragungen zur Ethnizität immer wieder zu ähnlichen Antworten geführt: die Befragten bezeichneten sich jeweils als "muslimische Polen", "Polen muslimischen Glaubens mit tatarischen Wurzeln" oder auch nur als "Tatarische Polen". Des Weiteren weisen auch die Befragungen bei der Mehrheitsbevölkerung auf sehr geringe Vorurteile gegenüber dem muslimischen Bevölkerungsanteil hin. In einem der folgenden Kapitel wird geschildert wie Tataren bemüht sind ihre Traditionen zu erhalten, was nicht nur die Pflege ihrer Moscheen und islamischen Friedhöfe betrifft, sondern auch ihre Bemühungen, die Erinnerung an ein zentralasiatisches Erbe wachzuhalten. Dies kommt besonders bei ihren Festen und alljährlichen Veranstaltungen auf der "Tatarenroute" zum Ausdruck, bei denen Bogenschießen, Reiterspiele oder auch das Leben in einer Jurte vorgestellt werden. In ihrem Fazit weist Frau Pega auf einige Ursachen für das konfliktfreie Miteinander der beiden Gemeinschaften hin: Es sind die seit Jahrhunderten gemeinsam durchlebte Geschichte Polens, die immerwährende Staatstreue der Tataren, besonders aber das Wissen um die heldenhaften tatarischen Heerführer in den polnischen Armeen, die ein wesentlicher Teil des kollektiven Gedächtnis aller Polen manifestiert hat. Weiterhin führte der wenig orthodox ausgeprägte Islam dazu, dass Heiraten zwischen Christen und Muslimen keine Seltenheit sind. Abschließend könnte gesagt werden, dass sich hier, über die Jahrhunderte, ein "Euro-Islam" im Sinne Bassam Tibis entwickelt hat.

Pega,Paulina : Die Tataren : Geschichte, Fremd- und Eigenbild einer muslimischen Gemeinschaft in Ostpolen

This thesis provides insight into south-south mobility within Africa, thus confronting atlanticized research lenses that focus on south-north movements. The case of Congolese diasporans in South Africa iCars in the center of attention. The thesis reflects a generation- and space-sensitive approach. The diaspora concept, belonging, and empowerment are examined. Ethnographic fieldwork for this thesis was carried out in 2018 for a period of three months both in Johannesburg as well as in Cape Town. Volunteering and the notion of apprenticeship constituted the ethical backbone of that fieldwork, which aimed at a reciprocal relationship of give-and-take between participants and the researcher. Triangulation of interactive methods combined with volunteering facilitated deep immersion into the research context. Results allowed for modifications of the concepts of diaspora, belonging, and empowerment. The thesis interlinks categories of belonging with uncertainty via continua of belonging. Uncertainty was closely linked to the prevalent danger of afrophobia in South Africa. Coping mechanisms and the empowering nature of Pan-Africanism among young generations set a positive, courageous tone for future developments.

Jacobs, Carola : Practicing belonging and navigating uncertainties: the case of Congolese Diasporans in South Africa

Uns allen ist Whisky bekannt als globalisiertes Konsumprodukt, das vorwiegend mit Schottland in Verbindung gebracht wird und dem das Flair der exklusiven Spirituose für Kenner und Genussmenschen anhaftet. Die vorliegende  Masterarbeit, die von Prof. Dr. Michaela Pelican betreut wurde, untersucht genau diese Vorstellungen und deren soziale Produktion, wobei die Perspektive von in Deutschland lebenden Konsumenten im Mittelpunkt steht. Dabei legt Frau  Schiefer besonderes Augenmerk auf zwei Aspekte: Whiskykonsum als  multisensorisches Erlebnis und als gemeinschafts- und identitätsstiftende Aktion.

Für ihre Untersuchung der Whiskykonsumgemeinschaft und -kultur in  Deutschland führte Frau Schiefer eine empirische Forschung in Deutschland und in Schottland durch. Die Arbeit zeichnet sich dabei durch eine innovative  Fragestellung und vielfältige Methodik aus, sowie durch die sorgfältige und erkenntnisreiche Analyse des reichhaltigen Forschungsmaterials.

Im Zentrum der Arbeit stehen folgende Fragen: Was macht den Reiz des Whiskykonsums aus? Wie greift die Selbstidentifikation über den Konsum? Welche kulturelle Bedeutung kommt dem Whiskykonsum für Konsumenten und Produzenten zu? Frau Schiefer argumentiert, dass die Faszination des Whiskys nicht alleine aus einer diskursiven Perspektive heraus verständlich ist, sondern einer multisensorischen Analyse bedarf, da alle fünf Sinne durch den Konsum von Whisky mobilisiert und angesprochen werden. Des Weiteren zeigt sie, dass die Whiskykonsum-Kultur durch die Betonung von Subjektivität, Individualismus und Tradition sowie durch das gehobene Preissegment ein bestimmtes Publikum anspricht, das sich als Genussmenschen versteht und sich von gängigen Formen des Alkoholkonsums und anderen Gesellschaftsschichten abgrenzt. Schließlich belegt die Studie von Frau Schiefer, dass der globalisierte Whiskykonsums mit der Verbreitung stereotyper Vorstellungen von Schottland einhergeht und schottische Destillerien zunehmend von internationalen Großkonzernen  aufgekauft werden. Beides wird von den in der Whiskyproduktion arbeitenden Personen akzeptiert, da sie die steigende globale Nachfrage nach schottischem Whisky als Stärkung des Industriezweigs und der nationalen Identität Schottlands erfahren.

Indem Frau Schiefer in ihrer Untersuchung der sinnlichen Erfahrung und  gesellschaftlichen Bedeutung des Whiskykonsums beispielhaft theoretische und  methodische Zugänge verbindet, leistet sie einen wichtigen Beitrag zur  sensorischen Ethnographie sowie zur Tourismusethnologie.

 

Schiefer, Tabea : Whiskykonsum als mulitsensorisches und identitätsstiftendes Erlebnis. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung in Deutschland und in Schottland

Alina Ziegler bearbeitet in ihrer MA Arbeit, die von Prof. Michael Bollig betreut wurde, ein Thema, das in der deutschen Ethnologie bislang wenig behandelt wurde: die Konstruktion und Inszenierung sozialer Identitäten in einer (Kölner) Schule, in der 95 Prozent der Schüler einen migrantischen Hintergrund haben. Während derartige Arbeiten in der interkulturellen Pädagogik, teilweise auch in der Soziologie, bislang einen (begrenzten) Platz hatten, stellt Ziegler eindrucksvoll unter Beweis, dass eine spezifisch ethnologische  Herangehensweise an die Thematik neue Perspektiven eröffnet. Ziegler greift dabei auf ein klassisches „Instrument“ ethnologischer Forschung zurück, die teilnehmende Beobachtung: über zwei Jahre hat sie an selbiger Schule die Nachmittagsbetreuung und Hausaufgabenaufsicht koordiniert, hat vielfältige Schulaktivitäten mit Schülern (vor allem Fünft- und Sechstklässlern)  unternommen und sich in anderweitigen schulischen Angelegenheiten  eingebracht. Aufbauend auf diese lange Zeit der unmittelbaren Teilhabe am  Schulgeschehen hat sie verschiedene Verfahren angewendet. Einige wenige Interviews hat sie mit Lehrern und Schulleitung durchgeführt. Die Informationen zu den Innensichten der Kinder hat sie durchgehend aus unmittelbarer Beobachtung oder aus eigens für die Forschung entworfenen Spielen gewonnen. Auf beeindruckende Art und Weise gelingt es Ziegler so den Kindern eine Stimme zu geben. Ihre Ansichten über Identitäten, Eingrenzung und Ausgrenzung werden authentisch kolportiert und nachvollziehbar analysiert. Zentrales Ergebnis der Arbeit Zieglers ist, dass die Kinder ihr „Ausländer-Sein“ sehr gezielt und prononciert inszenieren. „Nicht-deutsch“ zu sein verleiht Identität und stiftet Gemeinschaft. Die Schüler distanzieren sich explizit von einer deutschen Identität, obwohl viele von ihnen deutsche Staatsbürger sind oder über eine doppelte Staatsbürgerschaft verfügen. Dabei werden vor allem äußere  morphologische Merkmale (Hautfarbe, Haar- und Augenfarbe), Religion aber  auch die Kontaktintensität mit dem Herkunftsland der Eltern (oft auch der Großeltern) hervorgehoben. Bestimmte Verhaltensweisen werden plakativ als „Nicht-Deutsch“ konstruiert. Die Kinder wollen keineswegs eine hybride Identität sondern eine eindeutige. Identität, hier vor allem nationale Identität, wird hier essentialisiert, auch wenn objektive Gegebenheiten genügend Anlass geben würden, den konstruierten, situativen Charakter von Identität herauszustreichen.

Ziegler, Alina: "Ausländer-Time!". Zur Konstruktion und Inszenierung sozialer Identitäten durch Schülerinnen und Schüler an einer Realschule in Köln