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Was ist Ethnologie?

Was ist kulturelles Eigentum und wem gehört ein Kulturerbe? 

Welche Auswirkungen haben Überschwemmungen, Waldbrände oder Ressourcenausbeutung wie der illegale Holzeinschlag in Indonesien auf das Leben indigener Gemeinschaften, auf ihre Wirtschaftsweise, Glaubenssysteme und Identitäten?

Inwiefern beeinflussen Medien wie Smartphones den Alltag der Menschen in Ostasien und mit welchen Methoden können kulturspezifische Medienpraktiken untersucht werden? 

Welche moralischen Verpflichtungen und sozialen Abhängigkeiten gehen mit dem Gabentausch in unterschiedlichen Gesellschaften einher?

Und wie kann man räumliche Mobilitäten und transnationale Prozesse im globalen Süden besser verstehen und erklären? Können gar Ethnolog_innen einen Beitrag zur öffentlichen Debatte um Migration, Flucht und Integration leisten?

Gegenstandsbereiche der Ethnologie

Solche Fragen stellt sich die Ethnologie. Sie gehört zu den Kultur- und Sozialwissenschaften und befasst sich mit allen Bereichen menschlicher Kulturen. Unter 'Kultur' versteht sie die Gesamtheit der materiellen und ideellen Äußerungen menschlichen Daseins. Von Gegenständen und Techniken, über Wirtschaftsweisen und Sozialorganisationen, bis hin zu Wissen, Norm- und Wertesystemen, Religion, Kunst und Erziehung ist für die Ethnologie alles 'Kultur'. Damit überschreitet sie die im Sprachgebrauch übliche Verwendung des Wortes.

Das Studium der Ethnologie ist dementsprechend breit gefächert und vielfältig.

Ethnolog_innen interessieren kulturelle Phänomene, Prozesse und Handlungsweisen. Entgegen manchem Vorurteil untersuchen sie in erster Linie gegenwärtige Erscheinungen. Dies schließt das Wissen historischer Vorgänge und Kontexte allerdings nicht aus. Sie bemühen sich, die Sicht der Akteure einzunehmen, um nachvollziehen zu können, wie und warum Menschen denken, handeln und die Welt um sie herum auf bestimmte Weise wahrnehmen. Ethnolog_innen betrachten komplexe Zusammenhänge und einzelne, sich wechselseitig beeinflussende Kulturbereiche aus einer holistischen Perspektive heraus (Holismus). Das heißt, sie wollen zum Beispiel das Zusammenspiel von Institutionen, Verhaltensweisen, Ideen und Artefakten in ihrer Gesamtheit verstehen. Diese Kulturbereiche stehen in Wechselbeziehungen mit außerkulturellen Einflüssen wie der jeweiligen naturräumlichen Umgebung.

Als Kind des Kolonialzeitalters konzentrierte sich die Ethnologie zunächst auf kleine, ländliche, nicht-schriftliche Gesellschaften außerhalb Europas. Diesen gilt bis heute ihr besonderes Augenmerk, doch sind in der letzten Zeit zunehmend städtische und industrielle Gesellschaften in den Blickwinkel gerückt. Auch die eigene Gesellschaft ist zum wichtigen Thema geworden.

Ethnologische Methoden und Herangehensweisen

Die Ethnologie hat eigene Fragestellungen, Herangehensweisen und Methoden, um auf Themenfelder zuzugreifen. Als wichtigstes Verfahren der ethnologischen Forschung gilt die ethnographische Feldforschung. Klassisch gesehen ist die ethnographische Feldforschung ein langfristig angelegter stationärer Aufenthalt in der zu untersuchenden Gesellschaft, bei dem Ethnolog_innen am Alltagsleben der Akteure teilnehmen (teilnehmende Beobachtung). Die Teilnahme dient als Basis für die Anwendung von qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden im Feld. Hierfür gilt die Beherrschung der jeweiligen Sprache als unabdingbar. Ethnolog_innen benutzen hermeneutische (deutend-verstehende) und analytische (erklärend-begründende) Methoden. Besondere Bedeutung hat der interkulturelle Vergleich.

Die Ethnologie bemüht sich sowohl die speziellen Ausprägungen von Kultur in bestimmten Gesellschaften zu beschreiben (Ethnographie) als auch zu übergreifenden theoretischen Aussagen zu einzelnen kulturellen Bereichen und zu Kultur insgesamt zu kommen (Ethnologie im engeren Sinne). Hierbei ist es wichtig, von Wertungen zunächst abzusehen und die Perspektive der eigenen Kultur in der Auseinandersetzung mit der fremden nicht zum Maß aller Dinge zu machen (Kulturrelativismus). 

Die selbstkritische Reflexion über die Formen und Bedingungen ethnographischen Forschens und Schreibens nimmt in den letzten Jahren ebenfalls breiten Raum ein. Zunehmende Mobilitäten von Menschen (Migrant_innen, Flüchtlinge, Austauschstudent_innen) und transnationale Kooperationen und Netzwerke (Angestellte in internationalen Unternehmen oder religiöse, transnationale Netzwerke) haben die Ethnologie vor die Herausforderung gestellt, auch global agierende Lebenswelten ethnographisch erforschen zu können. Heute müssen Ethnolog_innen verstärkt an verschiedenen Orten arbeiten ('multi-sited ethnography').

Abgrenzung zu anderen Wissenschaften

Im Unterschied zu anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen, die sich auf ganz bestimmte Felder von Gesellschaft und Kultur konzentrieren, wie z. B. die Politik-, Wirtschafts-, oder Religionswissenschaften, ist die Ethnologie ganzheitlich ausgerichtet. Von den Nachbardisziplinen Soziologie, Sozialpsychologie und Volkskunde (manchmal auch Europäische Ethnologie oder Kulturwissenschaft genannt) unterscheidet Ethnologie die Einbeziehung nichtwestlicher Gesellschaften und die Betonung der Feldforschung. Von Geschichte, Ur- und Frühgeschichte und Archäologie grenzt sich die Ethnologie ab, da sie ihren Fokus auf die gegenwärtige empirische Feldforschung legt. 

Als weltweit zuständige Wissenschaft geht die Ethnologie zudem über die regional eingegrenzten Gegenstandsbereiche regionaler Disziplinen wie Afrikanistik, Ägyptologie, Judaistik, Indologie, Semitistik, Islamwissenschaft, Malaiologie, Japanologie, Sinologie, Lateinamerikanische Geschichte und die europäischen Philologien usw. hinaus und ist nicht so sehr auf Sprache und Literatur konzentriert. 

Berufsfelder

Im Zuge der Globalisierung und Internationalisierung von Arbeitsmarkt und Leben steigen sowohl die Bedeutung und der Bedarf an Wissen über komplexe, sozio-ökonomische oder politisch-religiöse Verknüpfungen als auch über Menschen aus unterschiedlichen Kulturen.

Eine besondere Stärke der Ethnologie ist die Vermittlung interkultureller Sensibilität.

Das Fach bildet für berufliche Tätigkeiten wie der Arbeit in der Entwicklungszusammenarbeit, interkulturellen Bildung oder internationalen und nicht-staatlichen Organisationen aus. Neben klassischen Arbeitsfeldern wie der Forschung und Lehre und Arbeit an Museen qualifiziert das Studium der Ethnologie u.a. für Tätigkeiten im Kulturmanagement, im Sozial- oder Medienbereich, in Beratungsunternehmen und den Bereichen Tourismus, Öffentlichkeitsarbeit oder Organisations- und Marktforschung.

Die im Studium erworbenen Schlüsselkompetenzen, z.B. der kritische Umgang mit (wissenschaftlichen) Texten, das Erlernen von Präsentationstechniken oder gut geschulte analytische Fähigkeiten sind für Absolvent_innen für das spätere (Berufs-) Leben nach der Uni nützlich.

Welche Akzente setzt das Kölner Institut?

Kennzeichnend für das Kölner Institut für Ethnologie ist eine im Vergleich zu anderen deutschen Instituten stärker sozialwissenschaftliche Ausrichtung mit deutlichen theoretischen Interessen, die an der angloamerikanischen Ethnologie orientiert ist. Die regionalen Schwerpunkte liegen in Afrika (vor allem Subsahara-Afrika) und Asien (vor allem Ost-und Südostasien), doch bereichern die Dozent_innen des Instituts das Lehrangebot regelmäßig mit Regionalseminaren zu anderen Regionen wie Indien, Südamerika oder der Karibik.

Lehrveranstaltungen wie 'Ethnizität in Südostasien', 'Krieg und Konflikt', 'Ethnologie der Umwelt', 'Hexerei in Afrika' oder 'Jugend und Maskulinität' sollen praxisrelevante Fallbeispiele vermitteln. Die Analyse von Problemfeldern und Entwicklung von Lösungsstrategien nimmt einen besonderen Stellenwert ein.

Außerdem legt die Kölner Ethnologie seit jeher besonderen Wert auf eine solide und vielfältige Methodenausbildung in Theorie und Praxis. Im Bachelor- und Masterstudium nimmt daher die Ausbildung in den Methoden der ethnographischen Feldforschung in Form von Lehrveranstaltungen (Seminare, Workshops) und Feldforschungspraktika im In- und Ausland einen zentralen Platz ein.