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Kölner Ethnologische Beiträge Bd. 51 - ff

Herausgeber: Michael J. Casimir

ISSN 1611-4531

Institut für Ethnologie, Albertus Magnus Platz, D 50923 Köln
Email: m.casimir@uni-koeln.de


Über die Jahre hat sich immer wieder gezeigt, dass viele Magister-, Master- und Bachelorarbeiten neues Material vorstellen und interessante Ergebnisse zeigen. In wohl jedem Institut in Deutschland finden sich zahlreiche Abschlussarbeiten, die es wert sind, einem breiteren Interessentenkreis zugänglich gemacht zu werden, was in besonderem Maße für Arbeiten gilt, die auf Feldforschungen beruhen. Somit entstand die Idee zu einer Reihe, die dem Rechnung trägt und die unter dem Titel "Kölner ethnologische Beiträge" herausgegeben wird.

Prinzipiell können aber auch andere Arbeiten in dieser Reihe erscheinen, die auf Forschungen an unserem Institut beruhen.

Kölner Ethnologische Beiträge Bd. 1 - 50

Kölner Ethnologische Beiträge Bd. 51 - ff

In the face of the European Union’s relentless efforts to limit and control migration from the Global South, alternative destinations have gained currency. Among them are the countries of the Arab Gulf region, which stand out for their continuous demand for foreign labour. At the heart of the study of Lena Sgorsaly is the question of the opportunities and challenges that these destinations offer to migrants from Africa. The thesis of Lena Sgorsaly was supervised by Prof. Dr. Michaela Pelican  and Dr. Jonathan Ngeh, and was realized in the context of the research project “Communication during and after Covid-19”, funded by the Volkswagen Foundation (https://socialinequalities.uni-koeln.de/projects/special-project-communication-duringand-after-covid-19). The study builds on three months of fieldwork in Dubai, conducted in spring 2022, and integrates inductive, qualitative and auto-ethnographic approaches.
Sgorsaly’s thesis zooms in on East African migrants in Dubai and their strategies to straddle the city’s thriving informal and formal economy during and after the Covid-19 pandemic. It looks at different places of consumption, both formal and informal, and explores why and how African migrants navigate the risks and uncertainties of working outside the formal economy. The study's strength is the author’s access to  migrants' dayto-day lived experiences in informal spaces, which is often not accessible for research. This allowed Sgorsaly to generate  comprehensive and nuanced data that contributed to a better understanding of informality in the city. Sgorsaly fuses a rich, in-depth ethnography of African migrants' participation in Dubai’s informal economy with reflections on her experiences and interpretation of her  data. Focusing on “places of comfort and consumption” (private homes serving bars) in low-income migrant residential areas in Dubai’s old city centre, the study provides a vivid account of informality in the housing and hospitality industry, street vending, commercial sex, and freelance shipping. Adding to the rich ethnography are the author's reflections on her positionality and relationship with the study participants.

Sgorsaly, Lena : African migrants and places of consumption: (Auto-)ethnographic insights into Dubai's informal economy

Die COVID-19-Pandemie stellte die Welt in den Jahren 2020-22 vor massive Herausforderungen. Marginalisierte Personengruppen, wie etwa Geflüchtete in Deutschland, waren von der Pandemie besonders  betroffen. Welche Zugänge kann ein kulturwissenschaftliches Fach wie die Ethnologie zu einem derartigen Katastrophenszenario finden? Frau  Wiggert, deren Arbeit von Prof. Franz Krause betreut wurde, findet in  der ethnologischen Literatur zu Katastrophen und  Katstrophenbewältigung Konzepte, die ihr helfen, die komplexe  Situation in deutschen Flüchtlingsunterkünften während der Pandemie  zu entschlüsseln. Sie zeigt damit einerseits deutlich auf, wie Gefahren  so wie das Virus erst durch bestimmte soziale und kulturelle Prozesse  zu einer Katastrophe wie der Pandemie werden. Andererseits  beschreibt sie die Pandemie, angelehnt an den Begriff von Jacqueline  Solway, als „Offenbarungskrise“, die bestehende Missstände enthüllt,  und sie identifiziert neben einer Reihe vulnerabilisierender Faktoren für  Geflüchtete auch einige Resilienzen. Diese Arbeit gibt einen soliden  Überblick über Schlüsselkonzepte ethnologischer Ansätze zu  Katastrophen und konzentriert sich besonders auf die Begriffe  Vulnerabilität und Resilienz, die beide betonen, dass Katastrophen –  inklusive Pandemien – sowie deren Vermeidung, Auswirkungen und  Bewältigung immer auch soziale Ursachen haben, die bestimmen, ob  und inwiefern ein Virus für bestimmte Personengruppen zu einer  Katastrophe wird. Die Arbeit behandelt Auswirkungen der Pandemie auf  verschiedenen Lebensbereiche Geflüchteter, von der Erwerbsarbeit  über Integrationsmöglichkeiten bis zur psychischen und physischen Gesundheit. Hier zeigt sie sowohl die vielen  problematischen Effekte, aber auch die Möglichkeiten auf, die sich für  Geflüchtete aus der Pandemie und den damit verbundenen Maßnahmen ergaben. Beispielsweise präsentiert sie die  „Massenquarantäne“ in Sammelunterkünften als ein (weiteres)  Instrument staatlicher Ungleichbehandlung von Geflüchteten. Die Arbeit  diskutiert darüber hinaus Reaktionen Geflüchteter auf die  Pandemie, besonders im Hinblick auf Einschränkung und Spielräume  für deren Handlungsmacht. Schließlich trägt sie eine Reihe von  Empfehlungen zusammen, die dabei helfen können, dass die  Kombination von Flucht und Pandemie Menschen in Deutschland nicht  noch zusätzlich schlechter stellte. Dazu gehört die Erhöhung der  Handlungsmacht Geflüchteter, die dann ihre eigenen Kapazitäten – wie  beispielsweise medizinische oder logistische Fähigkeiten – besser  entfalten können, anstatt in eine Situation gezwungen zu werden, in der  eine Pandemie noch katastrophalere Auswirkungen hat als unter  anderen Bevölkerungsgruppen.

Wiggert, Paula L. : Die Covid-19-Pandemie und Geflüchtete in Deutschland. Eine katastrophenethnologische Perspektive

Die Umweltethnologie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten intensiv mit Problemen des Naturschutzes auseinandergesetzt. Der Forschungsschwerpunkt lag dabei meist auf Regionen des Globalen Südens. Dabei standen zunächst die Konsequenzen der Landnahme für Naturschutzgebiete im Vordergrund. Derartige Projekte hingen immer mit der Durchsetzung kolonialer oder postkolonialer Staatlichkeit zusammen. Die Umgesiedelten profitierten kaum von den Naturschutzmaßnahmen. Im Gegenteil, Armut, Landknappheit und Vulnerabilität waren die unmittelbaren Konsequenzen derartiger Naturschutzmaßnahmen für die Betroffenen. In jüngster Zeit zielten kulturwissenschaftliche Arbeiten vermehrt darauf ab, auch die zu
schützenden Tiere stärker ins Zentrum des wissenschaftlichen Interesses zu rücken. Naturschutz in Deutschland blieb allerdings ein von der Ethnologie kaum bearbeitetes Feld. In den vergangenen Jahren haben diverse Naturschutz-Programme aber auch Bemühungen um die
Wiederansiedlung bedrohter oder auch bereits temporär vor Ort ausgerotteter Spezies allerdings das Interesse von Ethnolog:innen erregt. Insbesondere die Ausbreitung des Wolfes aus Mitteleuropa (Polen, Tschechien) hat diverse Kulturwissenschaftler:innen interessiert. Derartige Arbeiten wurden in den vergangenen fünf Jahren zu  Norditalien (Rippa), der Schweiz (Heinzer) oder den Niederlanden (Drenthen) angefertigt.
Lisa Walterscheid beschäftigt sich in ihrer hervorragenden BA Arbeit mit der Ausbreitung des Wolfes im Siegtal, einem östlich von Köln  gelegenen Flusstal, an das recht umfassende Waldgebiete grenzen, die seit etwa 2015 mehreren Wolfsrudeln ein neues Habitat bieten. Der
Prozess der Wiederansiedlung verlief rasch und keineswegs geplant. Es handelt sich daher um kein gezieltes Rewilding Programm sondern eher um eine spontane Ansiedlung und die dann entwickelten Naturschutzmaßnahmen, die die Expansion einer kleinen  Wolfspopulation nachhaltig gestalten sollen. Im Zentrum der Arbeit stehen die sich widersprechenden Ansichten zur Expansion von Wölfen im Siegtal. Hier stoßen die Ansichten der überzeugten Befürworter
und der Gegner recht unversöhnlich aufeinander. Frau Walterscheid dokumentiert und analysiert diese Ansichten auf der Basis einer kleineren Anzahl von qualitativen Interviews. Vor diesem Hintergrund diskutiert sie Konflikte um die Wiederansiedelung des Wolfes zunächst allgemeiner und fokussiert dann die Diskussion auf ihre  Untersuchungsregion.

Walterscheid, Lisa Roxane : Rewilding im Anthropozän: Narrative der Wiederansiedlung des Wolfs im Siegtal

The Master’s thesis of Dana Elena Harms, supervised by Prof. Michaela Pelican, deals with a highly topical issue that has gained new  relevance in the wake of the Covid-19 pandemic and on-going environmental crises, namely the question of how young people can make a future under conditions of uncertainty. Harms approaches the subject by focusing on young educated Cameroonians who live in environment that long has been characterized by economic uncertainties, and asks how social relations shape their future making strategies. She makes a convincing argument to learn from young people and scholars in the Global South and derives theoretical and practical insights useful for future making in the Global South and  North. The thesis, which was supervised by Prof. Dr. Michaela Pelican, is based on empirical research conducted in two consecutive stretches: a 6-weeks guided, collaborative research program organized by the  University of Cologne and three Cameroonian universities in summer  2018; and a self-organized 4-months internship and research stay in  Yaoundé in 2019. The thesis is an excellent study that contributes to a  growing body of research and theories on future making in Africa and  elsewhere. It highlights the modalities of short-term and long-term planning as well as the crucial role of social investments as strategies  of future making and, as she innovatively frames it, as ways of  “routinizing” (p. 57) – rather than overcoming – uncertainties.  Furthermore, by integrating critical voices of scholars from the Global  South, Harms goes beyond established approaches and brings new   ideas to the existing debate. In addition, different from much of the   existing literature, Harms does not center on recent graduates, but focuses on young individuals who have already advanced a little in  their career and can look back on their achievements and fallbacks in  terms of planning for uncertainties. Harms takes issues with two widespread assumptions that dominate much of the writing on future making in Africa: On the one hand, she questions the notion of young Africans being locked in a state of prolonged youth and passiveness,  and draws attention to their planning and strategies to attain both  short- and long-term goals. On the other hand, drawing on Mboti (2015), she argues against a one-sided perspective on social relations  as either supportive or distrustful, and holds that social relations can entail both facets at the same time. She pleads for understanding  social relations as “messy, ambiguous and ever changing” (p. 3) and for recognizing them as a vital (re)source a of future making. Hereby she adds fresh angles to the subject of future making under uncertainty and contributes to a more nuanced debate.

 Harms, Dana Elena : The social making of futures: planning for uncertainties

This volume engages with a problem that has repeatedly been addressed in the anthropology of globalisation, the more recent anthropology of art and the anthropology of tourism, namely the question of how 'culture and commerce' relate to one another, or what effects tourism and commerce have on the symbolic and social value of material culture and its modes of production. It is based on Anne Herms' MA thesis which was supervised by Prof. Susanne Brandtstädter. The ethnographic theme of this study is the sale of 'real' pashmina shawls by Kashmiri traders in Mamallapuram, a tourist town in the south of India. It is based on empirical research conducted in Mamallapuram between October and December 2018. Kashmiri pashmina shawls have a long history of global circulation, and have been widely regarded as desirable prestige objects. Following the debate on the 'social life of things' initiated by Appadurai, reference is first made to the diverse contexts of meaning between people and things, as well as to the proposition that as a result of commodification and global consumption, cultural artifacts suffer a loss of meaning or authenticity, and object and producer become 'alienated' from one another. The work focuses on three questions: How do traders relate to the shawl? What significance does authenticity - a modern term that arose from the tension between original and copy - have in the local shawl trade and why? How can the sale of Kashmiri shawls be assessed in light of the debate on the commodification of culture? As it turns out, dealers have a close, almost emotional identification with the goods, and take pride in their sale and worldwide distribution. Their personal relationship with these objects seems to embody a special 'sociality' of handcrafted shawls and an idea of pashmina as a Kashmiri cultural heritage. Authenticity is of major importance in the (local) shawl business, for tourists and dealers alike. Herms describes how pashmina shawls that come to Mamallapuram as commodities receive (back) the 'aura' of the authentic, and argues that the production of authenticity not only increases the economic value of the goods, but also their symbolic and social meaning. The concepts of 'commodity', 'art' and 'cultural heritage' are practically not separate categories here. The traders' cultural appreciation of the shawl is also due to its commodification, its marketing history and the continuous sale on site. Thus, traders do not become alienated from the product, but rather connected to it.

 Herms, Anne : Pashmina going global: dealing with cultural heritage and authenticity in the Kashmiri shawl business in Mamallapuram, India

Sarah Mund führt in ihrer MA Arbeit, die von Professor Michael Bollig betreut wurde, die Themen „Indigenität/Indigenenrechte“ und „Ökotourismus“ zusammen. Beide Themen wurden in der Ethnologie in den vergangenen drei Jahrzehnten kontrovers diskutiert. Indigentität ist heute ein Rechtstatus den  Minderheitengruppen für sich reklamieren, die in Kontexten von Kolonialismus und Landraub durch Siedler, eine eigene Kultur und Gesellschaft mit Bezug zu einem festen Siedlungsraum erhalten haben. Die australischen Aborigines,  kanadische Indianer aber auch skandinavische Saami sind hier paradigmatische Beispiele. Kritische Ethnologen machten geltend, dass Indigenenstatus nur durch eine Essentialisierung der eigenen Kultur erreicht werden kann. Hybridisierungen und undeutliche Gruppengrenzen müssen negiert bzw. ausgeschlossen werden. Ethnologen gehen daher eher kritisch mit dem Konzept Indigenität um, müssen aber gleichzeitig konzedieren, dass die von ihnen beforschten Gruppen sich immer häufiger als Indigene präsentieren, um so politisches Gehör zu finden und Forderungen nach kultureller Autonomie zu platzieren. Nicht ganz unähnlich verhält sich dies mit der ethnologischen Einstellung zum Tourismus. Während vor allem der Ökotourismus als eine veritable Einnahmequelle für marginale Landbevölkerungen gelobt wird, scheint er kritischen Geistern doch vor allem das Einfallstor für kapitalistische Verfahrensweisen in marginale, ländliche Kontexte.
Sarah Mund behandelt in ihrer empirisch basierten Arbeit, die Einstellungen einer kanadischen Indigenengruppe, den nördlich von Vancouver an der Pazifik-Küste lebenden Heiltsuk, zum Tourismus und zu lokalen Praktiken und Vorstellungen sich touristische Verfahrensweisen anzueignen. Die Heiltsuk identifizieren sich sehr eindeutig als indigene Gruppe und nehmen Rechte, die mit diesem Status in Kanada verbunden sind, deutlich in Anspruch. Gleichzeitig propagieren sie die  Möglichkeiten des durch Indigene gelenkten Ökotourismus und führen ihn gegen den konventionellen Tourismus vehement ab. Sarah Munds Arbeit gibt äußerst interessante Einblicke in die Möglichkeiten und Herausforderungen des lokalen Umgangs mit den durch globale Diskurse geprägten Konzepten „Indigenität“ und „Ökotourismus“.

 Mund, Sarah Isabell : Community and visitor perspectives on tourism development in an indigenous territory on the Central Coast of British Columbia, Canada

Seit geraumer Zeit, nicht zuletzt unter dem Einfluss des Klimawandels, nimmt das Interesse der Ethnologie an den Methoden einiger Nachbardisziplinen im Sinne der interdisziplinären Zusammenarbeit zu. Hierbei spielen die Geographie und in besonderem Maße fernerkundliche Methoden sowie räumliche Analysen eine herausragende Rolle. Ebenso wie, im Kontext diachroner Analysen, die Methoden der Geoarchäologie zur Erfassung der lokalen Historie.
Um diese Forschungsansatze den Studierenden der Ethnologie nahezubringen habe ich Frau Mirijam Zickel gebeten mir ihre Masterarbeit, die von Herrn Prof. Dr. Georg Bareth und Frau Dr. Astrid Röpke betreut und mit dem zweiten Platz des Dr. Prill Preises 2020 der Gesellschaft für Erdkunde ausgezeichnet wurde, in leicht veränderter Form, für meine Reihe zur Verfügung zu stellen. Nach einer allgemeinen Darstellung der Methoden der Fernerkundung zeigt Frau Zickel am Beispiel transhumanter Ait Atta auf deren Sommerweiden im Hohen Atlas, wie durch die räumliche Analyse von Fernerkundungsdaten und unter Einbezug von geoarchäologischen Informationen, Erkenntnisse uber die Aufenthaltsplätze der Nomaden im Sommerlager gewonnen werden können. Hierbei zeigt sich, dass die Viehpferche der Nomaden eine zentrale Rolle für die räumliche und zeitliche Erfassung von Transhumanz im Untersuchungsgebiet spielen können. Weiterhin ist es ihr gelungen, mit unterschiedlichen, einander ergänzenden Methoden der Fernerkundung die ökologische Situation des Gebietes und insbesondere der Pferchstandorte zu beleuchten. Ihre Arbeit eröffnet eine neue Perspektive, um die Mensch-Umweltbeziehung im semiariden Bergland von Marokko zu erfassen.

Zickel, Mirijam : Spatial patterns of Moroccan transhumance : Geoarchaeological field work & spatial analysis of herder sites in the High Atlas Mountains of Morocco

This study, supervised by Prof. Michaela Pelican and supported with a research grant of the Thematic Network 'Remapping the Global South - Teaching, Researching, Exchanging' of the Global South Studies Center Cologne (GSSC), addresses the 2018-2019 water crisis in Cape Town. It foregrounds the experiences of Capetonians whose voices, so far, have received little attention in the discourse surrounding the water crisis: that is, Capetonians living in the townships who, irrespective of the crisis, have been living with limited water supplies and inadequate urban infrastructure. Teresa Cremer investigates how the political framing of the acute water shortage as a "crisis" was perceived by different actors and social groups, and which new scopes of action and social practices it has engendered. She argues that while the portrayal of water scarcity as a "crisis" and the measures of the city administration primarily reflect the interests and perspectives of Cape Town's privileged middle and upper classes, the needs of poorer and marginalized residents are hardly heard. At the same time, she shows that the crisis discourse not only reinforces existing inequalities, but also opens up new spaces for creativity and action. In her ethnography, Cremer focuses on the public water collection point in the Newlands neighbourhood and vividly describes how it is valued and made use of by different groups of actors as a site of dense social interaction and creative income-generating strategies. The end of the water crisis in 2019 and the onset of the COVID-19 pandemic in the spring of 2020 led to the closing of the Newlands water collection point. Yet Cremer's very well-informed and lucidly argued analysis is instructive also in view of other crisis situations, such as the current COVID-19 pandemic. The study demonstrates the strength of empirically grounded, ethnographic research to critically question crisis discourses, and recognize alternative perspectives and the emergence of new productive spaces.

Cremer, Teresa : "It's a privilege to call it a crisis" : improvised practices and socio-economic dynamics of Cape Town's water shortage (2015-2018)

Die vorliegende Arbeit von Maria Lassak, die von Prof. Michael Bollig betreut wurde, wendet sich, empirisch fundiert, einem vernachlässigten Thema der Wirtschafts- und Sozialethnologie zu. Welche Bedeutung haben staatliche Wohlfahrtszahlungen für die Bearbeitung der Armutsfrage im Globalen Süden? Zunehmend entscheiden sich Länder des Globalen Südens (etwa Südafrika, Brasilien und Iran) dazu, durch großangelegte Wohlfahrtsprogramme ländliche Armut zu bekämpfen. In Südafrika (und auch in den Nachbarländern Botswana und Namibia) werden gehaltsunabhängige Renten gezahlt, die leicht über dem gesetzlich verbürgten Mindesteinkommen liegen. Jede Person über 65 (bzw. 60) – einerlei ob sie in ihrem Leben in einem formalen Arbeitsverhältnis war oder nicht – erhält eine Grundrente. Diese Grundrenten spielen im ländlichen Raum des südlichen Afrika eine zentrale Rolle. Im ländlichen Südafrika etwa stellen gehaltsunabhängige Renten in fast 50 Prozent der Haushalte das zentrale Haushaltseinkommen dar. In anderen Staaten des Globalen Südens werden derartige Renten, Kindergelder und Grundeinkommen an bedürftige Haushalte ausgezahlt (so etwa im Bolsa Familia Programm Brasiliens). Diesen Weg geht auch Tansania in einigen Pilotprojekten. Lassak nimmt als theoretische Vorlage die neuesten Arbeiten James Fergusons, die in der Streitschrift „Give Man a Fish“ überzeugend zusammengefasst wurden. Ferguson argumentiert, dass angesichts überbelasteter natürlicher Ressourcen und vielfach gescheiterter Versuch den ländlichen Raum in marktorientierte Produktionsprozesse einzubeziehen und so Wohlstand zu schaffen, nur „social transfers“ (Renten,  Kindergelder etc.) die Möglichkeit bieten, Armut zu bekämpfen. Ferguson beschreibt wie die permanenten Versuche, verarmte ländliche Bevölkerungen zu Produzenten für den Weltmarkt zu machen, immer wieder scheitern – schlicht, weil derartige Produzenten auf dem Weltmarkt nicht konkurrieren können. Die alte Diktion, man solle den Menschen keine Fische geben, sondern sie beim Fischen anleiten (um so unabhängig zu werden), entlarvt Ferguson als  neoliberale Ideologie. Lassak erläutert diesen theoretischen Hintergrund ihrer Arbeit kurz, aber angemessen und zielführend. Mit empirischen Daten aus dem Süden Tansanias weist sie auf die große Bedeutung dieser Thematik für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung des ländlichen Raums hin. Angesichts der Vielzahl nationaler Programme, die alle „social transfers“ als zentrale Strategie der Armutsbekämpfung identifizieren, wird die Ethnologie sich in den kommenden Jahren vermehrt dieser Thematik zuwenden müssen, um  kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Wandel in ruralen Zonen des Globalen Südens zu verstehen.

Lassak, Maria : Unconditional Cash Transfer als staatliches Instrument der Armutslinderung in Tansania am Beispiel des Bezirks Kilombero, Südwest-Tansania

Die von Prof. Dr. Martin Zillinger betreute Arbeit von Anna Krämer beschäftigt sich mit einem dynamischen Feld religiöser Praxis, das eine global wachsende Anhängerschaft verzeichnet, in einer transnationalen Verflechtungsgeschichte fortlaufend hervorgebracht wird und in Indien einen wichtigen Sektor des internationalen Tourismus ausmacht. Diese hinduistisch gerahmte, im globalen Norden neu gefasste und in Indien re-lokalisierte Praxis wird weltweit unter dem Begriff der Spiritualität geführt. Der Begriff steht nicht nur im Zentrum der Praktiken und Reden der Akteure selbst, sondern wird auch im wissenschaftlichen Diskurs als Gegenbegriff zum historisch und dogmatisch aufgeladenen Begriff der Religion verwendet und unterstreicht die Möglichkeit einer individuell-evidenzbasierten Erfahrung. Anschaulich wird diskutiert und theoretisiert, wie diese „nicht-beschreibbare“ Erfahrung, Formen des Lehrens und Lernens und die Körpertechniken der Anhängerschaft eines „Gurus“  zusammenhängen. Hierfür wird das Konzept der Liminalität aufgegriffen und weiterentwickelt. Obgleich dieser Begriff als gut etabliert gelten kann, ist weder das heuristische noch das theoretische Potential dieser Theoriedebatte ausgeschöpft, wie nicht zuletzt in dieser Masterarbeit deutlich wird. Innovativ diskutiert die Verfasserin Liminalität als Praxis und Methode - d.h. als  Verlaufsform und Prozess, wie von Victor Turner beschrieben, aber eben auch als Methode, die erlernt, umgesetzt und nachverfolgt werden kann. Hier operiert die Autorin überzeugend mit dem Begriff der accountability von Harold Garfinkel. Sich spirituell accountable, d.h. ausweisbar zu machen, wird sehr schön an den gestaffelten Formen der Initiation herausgearbeitet. Dafür führt die Autorin das Konzept der communities of spiritual practice ein. Lernen ist, wie sie in Anlehnung an Jean Lave schreibt „a form of evolving membership“ und Teil der  Vollzugswirklichkeit sozialer Praxis. Hier wird Liminalität zur Methode - zu einem Zeigen, Lehren und Lernen spiritueller Hingabe. Es geht um die Wiederholbarkeit, d.h. die Möglichkeit zur geübten Evozierung transformativer Spiritualität, die durch transnational mobile Akteure verhandelt und legitimiert werden und dabei ebenso transnational  hervorgebrachte Vorstellungen von Authentizität und  Gesetzmäßigkeiten pflegen. Die Arbeit stellt zweifellos einen wichtigen Beitrag zur Erforschung lokal situierter und zugleich global vernetzter religiöser Bewegungen in der Gegenwart dar.

Krämer, Anna Kalina : Satsang, Sangha, Sadhana : Zur Verortung von Spiritualität im indischen Rishikesh

Frau Pega hat in ihrer Masterarbeit ein Thema behandelt, das aus verschiedenen Gründen bedeutsam ist. Zum einen findet sich, abgesehen von Veröffentlichungen in polnischer Sprache und den Übersetzungen einzelner Artikel ins Englische, keine umfassende Publikation zu den muslimischen Tataren, die seit Jahrhunderten im Osten Polens leben. Weiterhin kommt der Arbeit eine übergeordnete Bedeutung zu: In einer Zeit, geprägt von zunehmender Islamfeindlichkeit und Problemen der Integration, gibt die Geschichte und Gegenwart der Tataren in Polen ein Beispiel für harmonisches Zusammenleben einer muslimischen Minderheit mit einer christlichen Mehrheit. Nach einer Einleitung und einem Überblick über den Forschungsstand zu polnischen Tatar*innen gibt Frau Pega eine Zusammenfassung zur Geschichte der Tataren seit der Zeit der "Goldene Horde", über die ersten Ansiedlungen im Großfürstentum Litauen und Ostpolen bis hin zu ihrer heutigen Situation. Im Folgenden wendet sie sich dem Schwerpunkt der Arbeit zu: Ethnizität und Kultur der polnischen Tataren. Hier haben sowohl Untersuchungen der polnischen Sozialwissenschaft als auch die von Frau Pega durchgeführten Befragungen zur Ethnizität immer wieder zu ähnlichen Antworten geführt: die Befragten bezeichneten sich jeweils als "muslimische Polen", "Polen muslimischen Glaubens mit tatarischen Wurzeln" oder auch nur als "Tatarische Polen". Des Weiteren weisen auch die Befragungen bei der Mehrheitsbevölkerung auf sehr geringe Vorurteile gegenüber dem muslimischen Bevölkerungsanteil hin. In einem der folgenden Kapitel wird geschildert wie Tataren bemüht sind ihre Traditionen zu erhalten, was nicht nur die Pflege ihrer Moscheen und islamischen Friedhöfe betrifft, sondern auch ihre Bemühungen, die Erinnerung an ein zentralasiatisches Erbe wachzuhalten. Dies kommt besonders bei ihren Festen und alljährlichen Veranstaltungen auf der "Tatarenroute" zum Ausdruck, bei denen Bogenschießen, Reiterspiele oder auch das Leben in einer Jurte vorgestellt werden. In ihrem Fazit weist Frau Pega auf einige Ursachen für das konfliktfreie Miteinander der beiden Gemeinschaften hin: Es sind die seit Jahrhunderten gemeinsam durchlebte Geschichte Polens, die immerwährende Staatstreue der Tataren, besonders aber das Wissen um die heldenhaften tatarischen Heerführer in den polnischen Armeen, die ein wesentlicher Teil des kollektiven Gedächtnis aller Polen manifestiert hat. Weiterhin führte der wenig orthodox ausgeprägte Islam dazu, dass Heiraten zwischen Christen und Muslimen keine Seltenheit sind. Abschließend könnte gesagt werden, dass sich hier, über die Jahrhunderte, ein "Euro-Islam" im Sinne Bassam Tibis entwickelt hat.

Pega,Paulina : Die Tataren : Geschichte, Fremd- und Eigenbild einer muslimischen Gemeinschaft in Ostpolen

This thesis provides insight into south-south mobility within Africa, thus confronting atlanticized research lenses that focus on south-north movements. The case of Congolese diasporans in South Africa iCars in the center of attention. The thesis reflects a generation- and space-sensitive approach. The diaspora concept, belonging, and empowerment are examined. Ethnographic fieldwork for this thesis was carried out in 2018 for a period of three months both in Johannesburg as well as in Cape Town. Volunteering and the notion of apprenticeship constituted the ethical backbone of that fieldwork, which aimed at a reciprocal relationship of give-and-take between participants and the researcher. Triangulation of interactive methods combined with volunteering facilitated deep immersion into the research context. Results allowed for modifications of the concepts of diaspora, belonging, and empowerment. The thesis interlinks categories of belonging with uncertainty via continua of belonging. Uncertainty was closely linked to the prevalent danger of afrophobia in South Africa. Coping mechanisms and the empowering nature of Pan-Africanism among young generations set a positive, courageous tone for future developments.

Jacobs, Carola : Practicing belonging and navigating uncertainties: the case of Congolese Diasporans in South Africa

Uns allen ist Whisky bekannt als globalisiertes Konsumprodukt, das vorwiegend mit Schottland in Verbindung gebracht wird und dem das Flair der exklusiven Spirituose für Kenner und Genussmenschen anhaftet. Die vorliegende  Masterarbeit, die von Prof. Dr. Michaela Pelican betreut wurde, untersucht genau diese Vorstellungen und deren soziale Produktion, wobei die Perspektive von in Deutschland lebenden Konsumenten im Mittelpunkt steht. Dabei legt Frau  Schiefer besonderes Augenmerk auf zwei Aspekte: Whiskykonsum als  multisensorisches Erlebnis und als gemeinschafts- und identitätsstiftende Aktion.

Für ihre Untersuchung der Whiskykonsumgemeinschaft und -kultur in  Deutschland führte Frau Schiefer eine empirische Forschung in Deutschland und in Schottland durch. Die Arbeit zeichnet sich dabei durch eine innovative  Fragestellung und vielfältige Methodik aus, sowie durch die sorgfältige und erkenntnisreiche Analyse des reichhaltigen Forschungsmaterials.

Im Zentrum der Arbeit stehen folgende Fragen: Was macht den Reiz des Whiskykonsums aus? Wie greift die Selbstidentifikation über den Konsum? Welche kulturelle Bedeutung kommt dem Whiskykonsum für Konsumenten und Produzenten zu? Frau Schiefer argumentiert, dass die Faszination des Whiskys nicht alleine aus einer diskursiven Perspektive heraus verständlich ist, sondern einer multisensorischen Analyse bedarf, da alle fünf Sinne durch den Konsum von Whisky mobilisiert und angesprochen werden. Des Weiteren zeigt sie, dass die Whiskykonsum-Kultur durch die Betonung von Subjektivität, Individualismus und Tradition sowie durch das gehobene Preissegment ein bestimmtes Publikum anspricht, das sich als Genussmenschen versteht und sich von gängigen Formen des Alkoholkonsums und anderen Gesellschaftsschichten abgrenzt. Schließlich belegt die Studie von Frau Schiefer, dass der globalisierte Whiskykonsums mit der Verbreitung stereotyper Vorstellungen von Schottland einhergeht und schottische Destillerien zunehmend von internationalen Großkonzernen  aufgekauft werden. Beides wird von den in der Whiskyproduktion arbeitenden Personen akzeptiert, da sie die steigende globale Nachfrage nach schottischem Whisky als Stärkung des Industriezweigs und der nationalen Identität Schottlands erfahren.

Indem Frau Schiefer in ihrer Untersuchung der sinnlichen Erfahrung und  gesellschaftlichen Bedeutung des Whiskykonsums beispielhaft theoretische und  methodische Zugänge verbindet, leistet sie einen wichtigen Beitrag zur  sensorischen Ethnographie sowie zur Tourismusethnologie.

 

Schiefer, Tabea : Whiskykonsum als mulitsensorisches und identitätsstiftendes Erlebnis. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung in Deutschland und in Schottland

Alina Ziegler bearbeitet in ihrer MA Arbeit, die von Prof. Michael Bollig betreut wurde, ein Thema, das in der deutschen Ethnologie bislang wenig behandelt wurde: die Konstruktion und Inszenierung sozialer Identitäten in einer (Kölner) Schule, in der 95 Prozent der Schüler einen migrantischen Hintergrund haben. Während derartige Arbeiten in der interkulturellen Pädagogik, teilweise auch in der Soziologie, bislang einen (begrenzten) Platz hatten, stellt Ziegler eindrucksvoll unter Beweis, dass eine spezifisch ethnologische  Herangehensweise an die Thematik neue Perspektiven eröffnet. Ziegler greift dabei auf ein klassisches „Instrument“ ethnologischer Forschung zurück, die teilnehmende Beobachtung: über zwei Jahre hat sie an selbiger Schule die Nachmittagsbetreuung und Hausaufgabenaufsicht koordiniert, hat vielfältige Schulaktivitäten mit Schülern (vor allem Fünft- und Sechstklässlern)  unternommen und sich in anderweitigen schulischen Angelegenheiten  eingebracht. Aufbauend auf diese lange Zeit der unmittelbaren Teilhabe am  Schulgeschehen hat sie verschiedene Verfahren angewendet. Einige wenige Interviews hat sie mit Lehrern und Schulleitung durchgeführt. Die Informationen zu den Innensichten der Kinder hat sie durchgehend aus unmittelbarer Beobachtung oder aus eigens für die Forschung entworfenen Spielen gewonnen. Auf beeindruckende Art und Weise gelingt es Ziegler so den Kindern eine Stimme zu geben. Ihre Ansichten über Identitäten, Eingrenzung und Ausgrenzung werden authentisch kolportiert und nachvollziehbar analysiert. Zentrales Ergebnis der Arbeit Zieglers ist, dass die Kinder ihr „Ausländer-Sein“ sehr gezielt und prononciert inszenieren. „Nicht-deutsch“ zu sein verleiht Identität und stiftet Gemeinschaft. Die Schüler distanzieren sich explizit von einer deutschen Identität, obwohl viele von ihnen deutsche Staatsbürger sind oder über eine doppelte Staatsbürgerschaft verfügen. Dabei werden vor allem äußere  morphologische Merkmale (Hautfarbe, Haar- und Augenfarbe), Religion aber  auch die Kontaktintensität mit dem Herkunftsland der Eltern (oft auch der Großeltern) hervorgehoben. Bestimmte Verhaltensweisen werden plakativ als „Nicht-Deutsch“ konstruiert. Die Kinder wollen keineswegs eine hybride Identität sondern eine eindeutige. Identität, hier vor allem nationale Identität, wird hier essentialisiert, auch wenn objektive Gegebenheiten genügend Anlass geben würden, den konstruierten, situativen Charakter von Identität herauszustreichen.

Ziegler, Alina: "Ausländer-Time!". Zur Konstruktion und Inszenierung sozialer Identitäten durch Schülerinnen und Schüler an einer Realschule in Köln